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RAW Gelände Berlin in Gefahr

von Wenke 30.06.2026
4 Minuten Lesezeit

RAW in Gefahr: Was bleibt, wenn Berlins kulturelle Infrastruktur immer mehr verdrängt wird?

Dem Cassiopeia und weiteren Orten auf dem RAW-Gelände drohte im Juni die Räumung. Die Antwort darauf: Protest, politische Resolutionen, neue Gesprächstermine. Was nach einer weiteren „Clubsterben“-Schlagzeile klingt, ist ein stadtpolitischer Showdown um Verträge, Zeithorizonte und die Frage, wie viel Subkultur Berlin sich künftig noch leisten will.

Der Streit trifft Berlin in einem Moment, in dem kulturelle Orte ohnehin von mehreren Seiten unter Druck geraten: steigende Kosten, knapper werdende Räume, strengere Auflagen und eine politische Großwetterlage, in der Kultur immer wieder als verhandelbarer Posten im Haushalt erscheint. Nach massiven Einschnitten im Kulturetat für 2025 wird laut rbb24 auch für den Doppelhaushalt 2026/27 erneut mit deutlichen Einsparungen gerechnet (im Vergleich zu 2025: jeweils 110 Millionen Euro). In dieser Gemengelage ist „Clubsterben“ weniger ein einzelnes Ereignis als ein Symptom: Wenn Räume teurer und Budgets kleiner werden, wird aus dem Ausnahmezustand schnell Normalität. Und aus Kulturpolitik eine Frage von Durchhaltevermögen statt Gestaltung.

Das RAW-Gelände ist einer dieser Berliner Orte, die aus dem Stadtbild von Berlin nicht wegzudenken sind: alte Industrieflächen, Graffiti, Flohmarkt, Biergarten, Ateliers, Sport – und dazwischen Clubs, die das Versprechen der Stadt nach 1990 bis heute in Programm übersetzen. Genau deshalb ist der aktuelle Konflikt so aufgeladen. Mitte Juni 2026 erklärte die Eigentümerseite das Bebauungsplanverfahren „RAW West“ für gescheitert, Räumungsaufforderungen machten die Runde, und plötzlich stand nicht mehr nur ein Plan zur Debatte, sondern die Existenz von Strukturen, die über Jahre gewachsen sind. Aus der Verhandlung wurde eine Frist, und aus einer Frist ein politisches Ereignis: Demonstrationen, Solidaritätsaufrufe, neue Gesprächstermine.

Gerade weil das RAW mehr ist als ein einzelner Club, wird der Konflikt zur Stellvertreterdebatte. Hier kollidieren zwei Berliner Erzählungen. Die eine verkauft die Stadt international als Ort der Freiheit, der Experimente und der Nacht. Die andere organisiert Stadtentwicklung zunehmend über Verwertungslogik, Rechtsrahmen und Risikominimierung und drängt damit genau jene „ungeplanten“ Milieus an den Rand, die Berlin ohnehin erst attraktiv gemacht haben. In dieser Perspektive ist das RAW nicht bloß Subkultur, sondern kulturelle Infrastruktur: ein Ort, der Arbeit ermöglicht, Öffentlichkeit herstellt, Nachwuchs anzieht und Kiezleben zusammenhält.

Vom Papierkrieg zur Räumung: Warum das RAW 2026 zur Schicksalsfrage wird

Am RAW-Gelände entscheidet sich 2026 exemplarisch, ob Berlin Freiräume nur duldet oder wirklich absichert. Am 15. Juni 2026 erreicht der Streit um „RAW West“ die nächste Eskalationsstufe: Die Kurth‑Gruppe erklärt das Bebauungsplanverfahren für gescheitert, und aus dem Papierkrieg werden konkrete Räumungsaufforderungen. Besonders heikel steht es um das Cassiopeia, das in der Berichterstattung nicht als „ein Club unter vielen“ erscheint, sondern als wirtschaftlicher Anker: Wenn es fällt, drohen Dominoeffekte für Projekte im „Soziokulturellen L“ (SKL), die laut Betreiber:innenumfeld und Medien auch über Querfinanzierung an den Club gekoppelt sind.

Der Konflikt hat jedoch einen Vorlauf, der zeigt, wie lange hier schon an den Nervenenden gezogen wird. Bereits Ende Januar/Februar 2026 geraten mehrere Betriebe unter Druck: Laut rbb24 erhalten Clubs und Gastronomien eine Nutzungsuntersagung durch den Eigentümer, begründet mit „Brandschutz-/Genehmigungsfragen“; Betreiber:innen widersprechen und reden von vorhandenen Nachweisen, während die Bezirkspolitik das Vorgehen als Druckmittel interpretiert. Im Hintergrund läuft das stadtpolitische Grunddilemma: Der westliche Teil des Areals (ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk zwischen Revaler Straße, Warschauer Straße, Modersohnstraße und Stadtbahn) soll über das seit 2019 laufende Bebauungsplanverfahren „2‑25a“ entwickelt werden – mit der Frage, ob und wie Wohnungsbau möglich wird, ohne die Kultur durch Lärmschutzlogik oder Kündigungsdruck zu verdrängen.

Dabei lag nach Darstellung mehrerer Medien Mitte Mai 2026 ein Angebot auf dem Tisch, das kurzfristig wie ein Kompromissfenster wirkte: ein Rahmenvertragsentwurf, der das SKL über einen Generalmietvertrag für 30 Jahre absichern soll, ergänzt um Investitionszuschüsse sowie ein vom Land Berlin finanziertes bzw. beauftragtes Schallgutachten. Dass es trotzdem zur Eskalation kommt, folgt einem Muster, das in Berlin immer wieder sichtbar wird. Orte, die aus Leerstand, Improvisation und gewachsener Nutzung entstanden sind, geraten spätestens dann unter Druck, wenn sie in eine Phase rechtlicher, planerischer und wirtschaftlicher „Normalisierung“ überführt werden sollen. 

Aus unserer Sicht ist diese Reibung kein Betriebsunfall, sondern System. Wenn Kulturstandorte von privaten Eigentumsverhältnissen, kurzfristigen Vertragslagen und politisch unsicheren Förderkulissen abhängen, ist „Absicherung“ nie nur eine Frage des guten Willens, sondern von Macht. Der RAW-Konflikt zeigt damit, wie verwundbar Berlins Kultur ist, wenn die Stadt zwar vom Ruf der Freiräume lebt, ihre kulturelle Grundversorgung aber nicht wie Infrastruktur mit langfristigen Garantien, ausreichenden Budgets und realer Flächenpolitik behandelt.

Als der Ton Mitte Juni kippt, antwortet die Szene im eigenen Dialekt: nicht nur mit Statements, sondern auch mit Präsenz auf der Straße. Am 19. Juni 2026 demonstrieren laut Tagesspiegel/Polizei rund 1000 Menschen unter dem Motto „RAW für alle – Clubkultur erhalten, Freiräume schützen“ gegen das drohende Aus vom Cassiopeia und weiteren Einrichtungen. Parallel wird aus einem ursprünglich geplanten Geburtstagsrave (Weißer Hase) eine Protestveranstaltung. Für die Eigentümerseite geht es um „Entwicklung“ und Baurecht, für Bezirk und Betreiber:innen um Verbindlichkeit, besonders die Laufzeit der Sicherung  (in den Berichten als Konfliktlinie 30 Jahre versus deutlich kürzerer Garantien beschrieben).

Ende Juni gibt es immerhin ein Signal, dass der Eskalationsmodus nicht das letzte Wort behalten muss. rbb24 berichtet am 26. Juni, dass es bereits ein erstes Gespräch gegeben habe und ein weiterer Termin für den 6. Juli 2026 geplant sei. Das allerdings keine Lösung, sondern eher eine Atempause im Räumungstakt. Aber genau darin liegt die kulturelle Pointe dieses Konflikts. Auf dem RAW Gelände verhandelt Berlin nicht nur über ein Grundstück, sondern über die Frage, ob die Stadt ihre berühmten Freiräume als Image verwertet oder als relevante Infrastruktur mit einer gesicherten Zukunft behandelt. 

Was ist unser Handlungsspielraum?

Was im RAW-Konflikt auffällt: Solidarität ist hier gelebte Praxis und gemeinsamer Konsens. Sie lässt sich organisieren. Plattformen wie wir oder andere Kultur- und Veranstaltungsmedien können mit ihrer Reichweite konkrete Hebel bewegen, ohne sich anmaßen zu müssen, die Verhandlungen zu führen. Indem wir Soli-Veranstaltungen sichtbar machen, Demo- und Infotermine abbilden, Hintergründe kuratieren und damit die öffentliche Aufmerksamkeit stabil halten, statt sie nur im Eskalationsmoment hochkochen zu lassen. Dass das Cassiopeia als Venue auf solchen Plattformen ohnehin präsent ist, zeigt, wie eng Kulturökonomie und Sichtbarkeit längst verzahnt sind. Wer Programme auffindbar macht, hilft mit, dass Einnahmen fließen und dass Orte nicht im Rauschen verschwinden. 

Wir alle können an mehreren Stellen ansetzen: hingehen (Demos, Kundgebungen, BVV-Sitzungen, Soli-Events), Geld dort lassen, wo es wirkt (Tickets, Spendenkampagnen, wenn offiziell verifiziert), und Arbeit teilen (Übersetzungen, Dokumentation, Design, Kommunikation, fachliche Hilfe bei Anträgen und rechtlichen/planerischen Fragen). 

Wenn Kulturorte unter Druck geraten, entscheidet nicht nur ein Vertrag, sondern auch, wie viele Menschen sichtbar machen, dass dieser Ort als Infrastruktur gebraucht wird.

Ganz kurz & knapp

  • Auf dem RAW-Gelände drohte im Juni 2026 mehreren Orten die Räumung, besonders dem Club Cassiopeia
  • Das ist wichtig, weil am RAW nicht nur ein Club hängt, sondern viele Projekte, Angebote und kulturelle Infrastruktur
  • Gleichzeitig steht Berlins Kultur insgesamt unter Druck: Räume werden teurer und die Politik plant Einsparungen im Kulturbereich
  • Deshalb ist der RAW-Streit ein Beispiel dafür, wie Berlin mit seinen kulturellen Freiräumen umgeht: schützen – oder verdrängen